Das Leben nach dem römisch- katholischen Priesterstand


Dominic Stockford

Zwar fällt es mir nicht leicht, über die vielen Jahre zu sprechen, die ich Mitglied, ja sogar Priester, der römisch-katholischen Kirche war, aber ich weiss, dass es wichtig ist. Und auch die Worte des Apostels Paulus ermutigen mich dazu: „Aber in dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat“ (Römer 8,37).

Meine Eltern hatten sich als junge Erwachsene zum Katholizismus bekehrt. So wurde ich in eine Familie hineingeboren, die gewissenhaft alles befolgte, was der Papst von guten und treuen Katholiken forderte. Niemals wurde auch nur eine seiner Verlautbarungen in Frage gestellt, selbst wenn einzelne Familienmitglieder unter der Befolgung der Regeln litten und ihre Freude dabei einbüssten. Wir wuchsen so betont katholisch auf, dass ich kaum merkte, dass es auch noch andere Konfessionen gab. Ich erinnere mich noch daran, wie mich eine Schulfreundin meiner Mutter an einem Sonntag mit zu ihrer Kirche nahm. Innerhalb der anglikanischen Kirche gehörte diese örtliche Kirchengemeinde zum besonders traditionellen, rom-orientierten Flügel.

Zuhause fragte ich meine Eltern, warum wir denn nicht auch dorthin gingen, das käme doch aufs Gleiche heraus. Wie zu erwarten war, erhielt ich keine Antwort. Was hätte ein Junge von gerade mal acht Jahren auch davon verstehen können? So verbrachte ich meine ganze Jugendzeit in der katholischen Kirche und diente ihr danach viele Jahre meines Erwachsenenlebens als Priester.

Als Kind setzte ich ‚glauben’ mit ‚recht handeln’ gleich – wie z.B. jeden Sonntag zur Messe zu gehen und einen Teil des Taschengeldes in die Kollekte zu geben. Auch den Besuch des Priesters bei uns zu Hause, als einmal mein Vater krank war, setzte ich mit dem ‚Glauben’ in Verbindung. Allerdings war dies sein einziger Besuch bei uns in den sechs Jahren, die wir in jener Pfarrei waren. Und in den darauffolgenden fünfzehn Jahren, in denen wir an einem anderen Wohnort lebten, schaute überhaupt kein Priester bei uns vorbei. Ich hoffe, dass dies den grossen Mythos Lügen straft, wonach katholische Geistliche sich pflichtbewusst und regelmässig um ihre Herde kümmern!

Ein anderer Bereich der religiösen Erziehung war die Schule. Ich verbrachte beinahe meinen gesamten ersten Schulabschnitt in einer katholischen Schule. Von meinem 13. bis zum 18. Lebensjahr besuchte ich ein privates Internat in der Grafschaft Somerset, welches von Benediktinermönchen geführt wurde. In beiden Schulen wurde ‚glauben’ als ‚recht handeln’ verstanden. Die guten Katholiken unter uns besuchten sonntags die Messe und freitags den Gottesdienst zur Verehrung der Monstranz. Und die sehr guten Katholiken wurden Ministranten oder Sänger im Kirchenchor. Die schlechten unter uns machten sich in solchen Momenten aus dem Staub. Wir fanden es sinnvoller, die umliegenden Hügel auszukundschaften und liessen uns davon auch durch Wind und Wetter nicht abhalten.

Der Druck, sich anzupassen und die Erwartungen zu erfüllen, war gewaltig. Die Lehrer suchten die Gegend mit ihren Autos nach den Schülern ab, die ihre Pflicht versäumten. Und von den Klassenkameraden wurden wir wie Dreck behandelt oder, wenn sie uns entdeckten, sogar bei der Schulleitung angeschwärzt.

Es gab aber auch heitere Momente, so z.B. als einmal ein anderer notorischer Ausreisser und ich als die Einzigen der älteren Schüler in einem Gottesdienst anwesend waren und dann, zum grossen Erstaunen der Schüler und Lehrer, alle übrigen Gottesdienstbesucher nach der Messe aus der Kirche geleiten durften.

Die Downside School hinterliess auch eine positive Spur in meinem Leben: Ich bekam ein Gespür dafür, dass der Glaube keine unpersönliche Sache ist. Ich weiss nicht, ob die Lehrer dies absichtlich vermittelten oder nicht, aber es kam mir in meinem späteren Leben sehr zugute. Für die ‚O-Levels’ (ein Schulexamen im Alter von 16 Jahren), studierten wir in einem Fach das Markusevangelium. Ich kann mich nicht mehr an allzuviel erinnern, aber ich vermute, dass wir das Bibelbuch nicht nach der historisch-kritischen Methode studierten, die in der katholischen Kirche so beliebt ist, sondern auf eine Weise, die uns dazu ermunterte, herauszuarbeiten, was wirklich im Text steht. Bis zu dem Tag, an dem ich die katholische Kirche verliess, wurde ich nie wieder dazu angespornt, auf diese direkte Art an die Bibel heranzugehen! Was man mir vermittelt hat, war römisch-katholische Lehre in all ihren unbiblischen Facetten, aber als ich die Schule verliess, waren mir – vielleicht nur mir – zwei Dinge auf wundersame Weise klar geworden: Ich konnte mit Gott reden und die Heilige Schrift enthielt Wahrheit. Dennoch blieb ich stets ein treuer Katholik.

Viele Leser werden dies nur schwer nachvollziehen können, besonders diejenigen, die nie Katholiken gewesen sind. Ihnen möchte ich sagen, dass Katholizismus und Judentum eine gewisse Ähnlichkeit haben. Bei beiden ist die Zugehörigkeit nicht nur eine Sache des Glaubens, sondern vielmehr ein Lebensstil. Ich wurde von meiner Jugend an förmlich in den Katholizismus eingetaucht und so kam es mir gar nicht in den Sinn, dass man auch anders denken und glauben könnte. Obwohl wir im Geschichtsunterricht die Reformation und Gegenreformation auf dem europäischen Kontinent gründlich studierten, konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen, dass es in unserem Land, in Grossbritannien, Menschen geben sollte, die nicht römisch-katholisch dachten. Ob nun mit Absicht oder auch nicht, ich war gemäss der Auffassung erzogen worden, dass sich die einzelnen Glaubensrichtungen in diesem Land nur bezüglich ihrer Formen und gewisser Äusserlichkeiten voneinander unterschieden.

Zum Dienen berufen

Ich wäre niemals auf den Gedanken gekommen, dass ich eines Tages als ordinierter Priester Gott dienen würde, und noch viel weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich später durch schlichte Umkehr und Glauben in die Gemeinschaft mit Gott gelangen würde. Gläubig sein hiess für mich katholisch sein, und katholisch sein bedeutete der regelmässige Besuch der sonntäglichen Messe bzw. ‚gut zu sein’. Als ich beinahe 16 Jahre alt war, hatte ich ein Erlebnis, das ich als einen deutlichen Ruf in den Dienst Gottes interpretierte, und weil ich nichts anderes kannte als die römisch-katholische Kirche, bedeutete der Ruf für mich, Gott in eben dieser Kirche zu dienen. Der Eindruck dieser Berufung Gottes wurde bei mir noch verstärkt, als am nächsten Tag die Nachricht vom Tod des Papstes Paul VI. bekannt wurde.

Die Überzeugung, von Gott berufen zu sein, verstärkte mein Bemühen, in jeder Hinsicht recht zu handeln.

Ich besuchte zahlreiche sogenannte Bewerberkonferenzen. Diese von der Diözese Plymouth organisierten Anlässe dienten zur Auswahl geeigneter Anwärter für das Priesteramt. Dort hatte ich Gelegenheit, mit verschiedenen Priestern zu sprechen. Ich las Bücher über den Priesterdienst; schloss Bekanntschaft mit dem örtlichen Pfarreipriester und nahm regelmässig am Sakrament der Beichte teil, obwohl ich dessen

Sinn nie verstand und der Beichtstuhl mich mit Schrecken erfüllte. Auch an anderen Formen des Gottesdienstes nahm ich teil, wie die Verehrung der Monstranz, das Abschreiten des Kreuzweges und das Rosenkranzgebet. Dies alles brachte mir aber keine geistliche Einsicht, sondern vergrösserte nur die Last auf meinem Herzen. Es ging mir wie Martin Luther, der, wie ich später erfuhr, umso bedrückter wurde, je mehr er versuchte, sich durch die verschiedensten Werke Gott zu nahen. Am meisten Sinn machten die ‚Stationen des Kreuzweges’, hatten sie doch einen klaren Bezug zum Weg des Herrn Jesus bis zu seinem Tod am Kreuz; aber die starke Betonung der Liturgie und die ausserbiblischen Elemente, welche die Kirche in die Leidensgeschichte Christi eingefügt hatte, zerstörten das Interesse in mir, tiefer über das Kreuz nachzudenken. Schon als blosser Teilnehmer waren diese Rituale für mich eine Belastung, und als ich diese später selber durchführen musste, wurde es nicht besser. Ja, es kam sogar so weit, dass ich aufgrund dieser Dinge einen Hass gegen die Anbetung Gottes entwickelte!

Im Rückblick auf mein Leben stelle ich fest, dass ich eigentlich ständig im Konflikt mit den unbiblischen Lehren und Gottesdienstformen der katholischen Kirche lebte. Wäre ich schon früher irgendwie mit dem Wort Gottes in Berührung gekommen, so hätte ich die Kirche bereits damals schnellstmöglich verlassen. Da ich jedoch ein durch und durch überzeugter Katholik war, nahm ich das Reden Gottes in seinem Wort gar nicht wahr. Es kommt mir vor, als hätte Gott während meiner ganzen Kindheit und Jugendzeit seine Hand nach mir ausgestreckt, aber der Dunstschleier der katholischen Indoktrination hatte mir die Sicht dafür vernebelt.

In der Ausbildung

Der Bischof von Plymouth wählte mich für die Priesterlaufbahn aus und es wurde vereinbart, dass ich ins Seminar eintreten und mich für das katholische Priesteramt ausbilden lassen sollte. Anfang September 1980 trat ich ins St. John’s Seminar in Wonersh, nahe Guildford, Surrey ein. Ich bezweifle sehr, dass es Gottes Wille war, dass ich im Alter von gerade erst 18 Jahren diese Ausbildung beginnen sollte. Ich war noch fast ein Kind, aber die katholische Kirche hielt mich für alt genug! Die anfänglichen Erfahrungen waren schrecklich für mich. Ich

kannte keinen der anderen Studenten, ausser einem 18-Jährigen aus Plymouth, der genauso unreif war wie ich. Weil niemand sich die Mühe machte, mir den Weg zur Kapelle zu zeigen, dauerte es drei Tage, bis ich ihn fand. Wo die Bibliothek stand und wie wichtig sie sei, wurde mir dagegen eingeschärft.

Der Seminaralltag bestand aus Unterricht, Prüfungen und Informationsbeschaffung. Wir wurden nie wirklich dazu angehalten, ein geistliches Leben zu führen. Einmal wurde ein Student wegen ungenügender akademischer Leistungen aufgefordert, die Ausbildung abzubrechen. Ein Mitstudent meinte dazu: „Was den geistlichen Tiefgang betrifft, war er uns weit voraus“.

Nur das Sichtbare schien zu zählen. Man musste zeigen, wie gut man war, und man musste durch entsprechende Taten beweisen, wie geeignet man war, katholischer Priester zu werden. Ich hatte bereits einige Pluspunkte, weil ich während einiger meiner Ausbildungsjahre in der Sakristei mithalf. Dort wurden alle Gewänder und die für die verschiedenen Riten und Zeremonien benötigten Materialien vorbereitet, von welchen die katholische Kirche sagt, sie seien unverzichtbar. Es war, als würde man die Worte aus Jakobus 2,14-18 auf den Kopf stellen und sagen: „Wir kümmern uns nicht um den Glauben, sondern es sind die Werke [des Studenten], die zeigen, ob er geeignet ist!“

Wir wurden niemals nach unserem Glauben gefragt noch danach, ob wir ihn mit der Schrift begründen könnten. Was in den Vorlesungen vermittelt wurde, mussten wir als Lehre der katholischen Kirche gläubig annehmen – wer nicht einverstanden war, konnte gehen! Da gab es keine Diskussion. Man ermutigte uns nicht, mit der aufgeschlagenen Bibel im Gottesdienst zu sitzen und zu prüfen, was wir hörten. In den Vorlesungen zur Bibel ging es um die verschiedenen Theorien der liberalen Theologie, welche die Bibel in eine Vielzahl von Quellen und Abfassungsphasen unterteilen. Immer wieder wurde auf Bultmann verwiesen, jenen bekannten Theologen der ‚Entmythologisierung’, der das göttliche Wirken in den neutestamentlichen Wundern leugnete. Nie wurde auch nur die Möglichkeit erwähnt, dass die Heilige Schrift tatsächlich wahr, geschweige denn unfehlbar sein könnte. Die folgenden Worte schienen nicht in der Bibel zu stehen: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben, und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet“ (2. Timotheusbrief 3,16-17).

In meiner Seminarzeit kam ich Gott kein bisschen näher und, ganz ehrlich gesagt, suchte ich ihn nach ein paar Jahren auch nicht mehr. Anstatt uns durch den Umgang mit Gottes Wort für die Aufgaben als Priester vorzubereiten, stellte das Seminar nichts weiter als eine Hürde dar, die man zu überwinden hatte, bevor man in einer Pfarrei mit dem praktischen Berufsleben beginnen konnte. Ich wurde nicht als Pastor, Hirte, Diener oder Prediger ausgebildet, sondern vielmehr als

‚Administrator’ und ‚Moderator’. In den ersten Jahren gab es mehrere Gelegenheiten, bei denen wir hätten lernen können, anderen das Evangelium weiterzugeben. Einmal führten wir auf dem Seminargelände einen Jugendtag für die Diözese Arundel und Brighton durch. Doch die Chance, biblische Wahrheiten zu vermitteln, blieb ungenutzt. Stattdessen entbrannte ein Konflikt, weil einige Studenten etwas gegen die

‚moderne’ Musik hatten, die während der Schlussmesse eingesetzt wurde. Sie knieten in der Orgelgalerie nieder und beteten den Rosenkranz, während unten der Gottesdienst weiterging. Doch damit nicht genug. Weil für die Kommunion Brot anstatt Hostien verwendet worden war, kamen sie am Ende der Feier in die Kapelle herab und suchten kriechend nach Krümeln, die möglicherweise auf den Boden gefallen waren. Ist ein solches Verhalten Gott wohlgefällig? Handelt so die Liebe? Im Rückblick stelle ich diesem Erleben die Worte des Johannes gegenüber: „Wir wissen, dass wir aus dem Tod zum Leben gelangt sind, denn wir lieben die Brüder. Wer den Bruder nicht liebt, bleibt im Tod“ (1.Johannesbrief 3,14). Ich frage mich, wie diese Männer, die doch angeblich darauf vorbereitet wurden, Gott zu dienen, diese Bibelstelle so missachten konnten.

Das Tragischste jedoch bleibt für mich der Stellenwert, welcher der römisch-katholischen Lehre eingeräumt wurde. Als wir z.B. die Eucharistie und ihre unbiblische Theorie von der Transsubstantiation studierten, bildete nicht die Heilige Schrift, sondern die Philosophie die Grundlage unseres Lernens. Ich verstand das Meiste von dem, was wir in diesem Jahr lernten; vielen meiner Mitstudenten blieb es jedoch ein Rätsel. Weder die Lehrer noch die Studenten waren sich dessen bewusst, dass die Philosophie nicht göttliche, sondern menschliche Weisheit ist und dass sie keinen Bezug zum Wort Gottes hat, wie geschrieben steht: „Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR“ (Jesaja 55,8).

Der Stellenwert der Bibel

Wir führten zu Übungszwecken Beichtgespräche mit Testpersonen durch, aber gepredigt habe ich während der gesamten fünfjährigen Seminarszeit kein einziges Mal, weder zu Übungszwecken noch im Gottesdienst! Nie haben wir uns Gedanken darüber gemacht, mit welcher Berechtigung wir den Menschen sagten, sie könnten nicht selber mit Gott reden, und mit welcher Berechtigung wir ihnen nicht sagten, dass allein Gott die Macht hat, Sünden zu vergeben. Wir missbrauchten wie selbstverständlich den Vers im Johannesevangelium 20,23 und übten uns darin, als Mauer zwischen Gott und den Menschen zu funktionieren. Als hätte Paulus nie an die Römer geschrieben, was der Herr Jesus Christus getan hat und tut: „Denn was er gestorben ist, das ist er der Sünde gestorben, ein für allemal; was er aber lebt, das lebt er für Gott. Also auch ihr: Haltet euch selbst dafür, dass ihr für die Sünde tot seid, aber für Gott lebt in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Römerbrief 6,10-11).

Auch was in Hebräer 7,27 über den Herrn Jesus bezeugt wird, beachteten wir nicht: „Der es nicht wie die Hohenpriester täglich nötig hat, zuerst für die eigenen Sünden Opfer darzubringen, danach für die des Volkes; denn dieses letztere hat er ein für allemal getan, indem er sich selbst als Opfer darbrachte.“ Die Worte der Heiligen Schrift wurden einfach nicht ernstgenommen; allein die Worte und Gesetze der katholischen Kirche waren von Bedeutung.

Diese unbiblische Einstellung beeinflusste auch unsere Beziehung zu anderen Christen, denen wir begegneten. Da war z.B. die brillante Lehrerin im Fach Stimmbildung und Rhetorik. Sie war schon ziemlich alt und starb im dritten oder vierten Jahr meiner Ausbildung. Einige Studenten nahmen an der Trauerfeier in der örtlichen Kirche teil. Als sie zurückkamen, beschäftigte sie nur ein Thema, nämlich, dass in der Kirche keine Kerzen waren. Sie hatten nicht auf das gepredigte Wort gehört, sondern sahen nur das, was man ihrer Meinung nach falsch gemacht hatte.

Oder dann denke ich an die mit einem anglikanischen Vikar verheiratete katholische Frau, die eingeladen wurde, um über das Leben in einer konfessionell gemischten Ehe zu sprechen. Die Fragen und Bemerkungen der Studenten betrafen nicht etwa die lehrmässigen Konflikte, die allenfalls zwischen den Partnern auftreten konnten, nein, nur die Tatsache, dass diese Frau jeden zweiten Sonntag mit ihrem Mann in die Kirche seiner Konfession ging, erregte heftiges Missfallen. Als eine gute Katholikin müsste sie doch jeden Sonntag die katholische Kirche besuchen.

Einmal konnte ich für einen Moment das wahre Gesicht der katholischen Kirche kennen lernen – das Gesicht einer weltlichen Organisation, die ihre weltlichen Ziele unter einem religiösen Deckmantel verbirgt. Einer der Studenten, der bereits die Diakonenweihe empfangen hatte, befand sich auf einmal nicht mehr im Seminar. Er hatte Zweifel an der Lehre der Transsubstantiation bekommen und alle dieses Thema betreffenden Bibelstellen herausgesucht (Matthäus 26,2629 / Markus 14,22-25 / Lukas 22,14-20 / Lukas 24,13-35 / 1.Korinther 11,17-34 u.a.). Durch sein persönliches Bibelstudium erkannte er, dass in der Bibel etwas ganz anderes steht als das, was die katholische Kirche lehrt und seine Professoren ihm beizubringen versuchten. Innerhalb von zwei Tagen wurde er aus dem Seminar geworfen, vermutlich, damit wir anderen uns nicht auch noch am „Zwillingsübel“ der Heiligen Schrift und des Heiligen Geistes anstecken würden. Einige Mitstudenten konnten die Sache nicht recht glauben und setzten üble Geschichten in Umlauf – aber nicht etwa über die skandalöse Art, wie er behandelt wurde, sondern über ihn selbst! Ich für meinen Teil hätte sehr gerne mit ihm gesprochen, doch er war so blitzartig verschwunden, dass ich keine Gelegenheit dazu hatte. Er tat mir leid und ich konnte mit ihm mitfühlen, denn auch ich hatte die Transsubstantiationslehre nie wirklich angenommen (und tat dies auch später nicht). Ich hoffe und bete, dass dieser unerschrockene und mutige Mann eines Tages Christus kennenlernte und heute Gottes Wort verkündigt.

Die Würde, mit der dieser Mitstudent die Konsequenzen seiner Überzeugung trug, und die Ungerechtigkeit, mit der die Schulleitung ihn behandelte, hätten beinahe genügt, dass auch ich aus der römisch-katholischen Lebensart und der Tyrannei, welche die Kirche über mich ausübte, ausgebrochen wäre. Aber leider – ich schreibe dies mit schmerzendem Herzen – konnte ich die Wahrheit damals noch nicht so ganz erkennen. Die Worte Jesajas, die Jesus zitierte, trafen ebenso auf mich zu wie auf meine ganze Umgebung: „Dieses Volk naht sich zu mir mit seinem Mund und ehrt mich mit den Lippen, aber ihr Herz ist fern von mir. Vergeblich aber verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, die Menschengebote sind“ (Matthäus 15,8-9). Damit klage ich, das möchte ich betonen, nicht die einzelnen Irregeführten an, sondern die römischkatholische Institution, die ihre irrigen Dogmen verbreitet, obwohl die Kirchenführung genau weiss, dass diese biblisch unhaltbar sind.

Im Amt

Am 13. September 1986 wurde ich in der Sacred Heart Church in Paignton zum Priester geweiht. Insgesamt diente ich der römisch-katholischen Kirche ein Jahr als Diakon und danach knapp sieben Jahre als Priester. Während dieser Zeit war ich in Dorset und Devon in verschiedenen Pfarrbezirken tätig und traf dabei auf viele wohlmeinende Menschen, die aber tragischerweise durch die ihnen aufgebürdeten, unbiblischen Lehren in die Irre geführt wurden. Ein Jahr verbrachte ich als Diakon in Paignton, Devon.

Dies ist ein Urlaubsort an der ‚englischen Riviera’, wo die Anzahl der Sonntagsmessen im Sommer wegen der zahlreichen Urlauber anstieg. Dort begann der innere Kampf, in dem ich mich während meiner gesamten Amtszeit befand. Was genau mein Problem gewesen war, sollte ich allerdings erst verstehen, als ich die Kirche Roms verlassen hatte: Es gelang mir einfach nicht, meine persönlichen Glaubensauffassungen in Übereinstimmung mit den Pflichten zu bringen, die ich als Priester ausüben musste.

In Paignton bestand meine Hauptaufgabe darin, an Sonnund Wochentagen die Messe zu zelebrieren und die Hostie auch zu Kranken und Betagten zu bringen, die ihr Haus nicht verlassen konnten. Da ich als Diakon auch Taufen durchführen durfte, überliess man mir schliesslich viele von den anfallenden Taufen, die immer Sonntag nachmittags, wenn die Kirche für die Touristen geschlossen war, stattfanden. Ein Stück weit begann ich bereits zu begreifen, dass diese ritualhaften Handlungen für die Verbreitung des Evangeliums überhaupt nicht geeignet waren. Ich fühlte mich unausgefüllt und die Arbeit erschien mir sinnlos. Einmal sollte ich zwei Kindern im Alter von sechs und acht Jahren, die als Nichtkatholiken in die kirchliche Primarschule aufgenommen worden waren, Katecheseunterricht erteilen und sie anschliessend taufen. Als ich der Nonne, welche die Schule leitete, nach einiger Zeit sagte, es habe keinen Sinn, die zwei Jungen zu taufen, da sie sich von Gott keinen Begriff machen könnten und nicht auf meine Belehrungen hören wollten, wurde sie wütend. Sie hatte die beiden nur unter der Bedingung in die Schule aufgenommen, dass sie in die römischkatholische Kirche hineingetauft würden (beachte: in die Kirche hineingetauft nicht: als Christen getauft!). Niemanden interessierte es, ob die Kinder Glauben hatten und für niemanden schien es wichtig, dass sie Gott erkennen würden, man war vielmehr nur darauf bedacht, ‚das Rechte zu tun’, nämlich sie äusserlich zu Katholiken zu machen.

Schlecht ausgerüstet

All dies verwirrte mich und trieb mich weiter auf dem Weg, der mich allmählich von Rom wegführte. Zudem hatte ich einige Schwierigkeiten mit dem Hilfsprediger in Paignton. Seine Einstellung und sein Verhalten beunruhigten mich. Gelegentlich demütigte er mich sogar öffentlich während der Gottesdienste. Es verwunderte mich nicht besonders, als ich später erfuhr, dass er wegen Pädophilie verurteilt worden war und dass sich einige seiner Vergehen in der Zeit ereigneten, in der wir zusammen in Paignton waren. Die Struktur, nach der ein römischkatholischer Pfarrbezirk aufgebaut war, hätte mir keinerlei Möglichkeit oder Ermutigung gegeben, meine Befürchtungen jemandem mitzuteilen. Wir wurden auch nicht für unsere Verantwortung sensibilisiert, die wir auch für das körperliche Wohl der Kinder und Erwachsenen hatten, welche unter unserer geistlichen Obhut standen.

Angenommen, ich hätte nicht nur jene persönliche Antipathie gegen ihn gehabt, sondern ganz konkret Einblick in seine unmoralischen, unchristlichen Handlungen gehabt, ich hätte nicht gewusst, an wen ich mich hätte wenden sollen. Und was noch schlimmer ist, ich hatte auch nicht die nötige Bibelkenntnis, um zu wissen, wie ich mich hätte verhalten sollen. Niemand hatte mir gesagt, dass die Bibel Gottes Offenbarung und ein untrüglicher Wegweiser ist, wie Paulus es an Timotheus schrieb: „Alle Schrift ist von Gott eingegeben, und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet“ (2. Timotheusbrief 3,16-17). Ich aber irrte ohne jegliche Ausrüstung durch diese Welt und kannte die Hilfe nicht, die Gott mir in dieser schwierigen Zeit hätte geben können.

„Deshalb ergreift die ganze Waffenrüstung Gottes, damit ihr am bösen Tag widerstehen und, nachdem ihr alles wohl ausgerichtet habt, euch behaupten könnt. So steht nun fest, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit, und angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit, und die Füsse gestiefelt mit der Bereitschaft zum Zeugnis für das Evangelium des Friedens. Vor allem aber ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Pfeile des Bösen auslöschen könnt, und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches das Wort Gottes ist, indem ihr zu jeder Zeit betet mit allem Gebet und Flehen im Geist, und wacht zu diesem Zweck in aller Ausdauer und Fürbitte für alle Heiligen“ (Epheserbrief 6,13-18).

Andere Aufgaben, gleiche Nöte

In all den Pfarrbezirken, in denen ich diente, machte ich die gleiche Erfahrung. Auch wenn es überall – nach menschlichem Massstab – gute Menschen gab, hat niemand mich je auf die Heilige Schrift hingewiesen und mich ermutigt, darin nach der Errettung und nach Weisheit für das tägliche Leben zu suchen. Ich verbrachte drei Jahre in Poole, Dorset, dann hielt ich meine quälenden Zweifel und Nöte nicht mehr aus. Immer und immer wieder flehte ich, während ich meine Runden in jener Kirche drehte, Gott an, mir die Antwort auf meine inneren Kämpfe zu zeigen. Doch ich erhielt keine Antwort – denn sie war schon längst da, wenn ich sie nur in Gottes Wort gesucht hätte! Stattdessen bat ich um eine Versetzung und kam in die Kathedrale in Plymouth, wo ich schwer unter dem Administrator zu leiden hatte, in dessen Augen nur die Erfüllung der Pflicht etwas zählte.

Dieser Mann, der im Namen des Bischofs die Kathedrale leitete, kritisierte und unterdrückte mich derart, dass ich eines Tages von der Kirche Abschied nahm. Da ich jedoch um keinen anderen Ort wusste, wo ich nach Antworten suchen konnte, kehrte ich nach wenigen Wochen wieder in den Schoss der Kirche zurück. Zunächst wohnte ich einige Zeit im Haus eines hilfsbereiten Katholiken meiner Pfarrei und dann zog ich mich für eine Zeit der Stille und geistlichen Neuorientierung ins Kloster Downside Abbey zurück. Obwohl diese Menschen alle sehr nett waren und sogar der Abt sich für mich Zeit nahm, halfen sie mir dennoch nicht, meine brennenden Fragen mit der Bibel in der Hand anzugehen. Als ich mich wieder fähig fühlte, die kirchlichen Rituale zu zelebrieren, wurde dies als Hinweis interpretiert, dass ich geistlich wiederhergestellt sei. Ich kehrte in die Kathedrale zurück, wo die Einschüchterungen und die Kritik meines Vorgesetzten zwar meine Entschlossenheit bestärkten, aber mein Erkennen der Wahrheit nicht förderten. Nicht lange danach manövrierte sich der Administrator mit seinem überzogenen Pflichtbewusstsein selber in schwere gesundheitliche Probleme und wurde schliesslich nach Cornwall versetzt.

Weil ich der einzige voll arbeitsfähige Priester in jener Kathedrale war, wurden die Aufgaben des Administrators mir übertragen. (Von meinen zwei Priesterkollegen war der eine schon über achtzig Jahre alt, der andere hatte eine Zusatzaufgabe als Krankenhauskaplan und litt ausserdem an Alkoholismus.) Eine der ersten Entscheidungen, die ich fällte, offenbarte ganz deutlich, was ich in Wahrheit über die Kirche Roms und ihre Lehren dachte. Die 6-Uhr-Messe am Mittwochmorgen wurde lediglich von zwei Personen besucht, von denen eine ebenso gut zu einer späteren Messe hätte kommen können. Da ich nie geglaubt hatte, die Wirkung der Messe sei um so grösser, je öfter man sie zelebriere, informierte ich meine beiden Kollegen, dass diese Messe von nun an gestrichen sei. Die beiden beschwerten sich, jedoch nur solange, bis ich sie fragte, wer von ihnen bereit wäre, mir das Lesen dieser Frühmesse abzunehmen.

So wurden in der Kathedrale jenes Pfarrbezirkes nur noch 5 Messen pro Tag gelesen! Hätte ich doch damals beachtet, was im Hebräerbrief, Kapitel 10, Verse 11-14 steht, dann hätte ich verstanden, warum ich trotzdem noch keine Ruhe hatte, und was der Irrtum der römischen Kirche in bezug auf die Messe ist: „Und jeder Priester steht da und verrichtet täglich den Gottesdienst, und bringt oftmals dieselben Opfer dar, die doch niemals Sünden hinwegnehmen können; Er aber hat sich, nachdem er ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht hat, das für immer gilt, zur Rechten Gottes gesetzt, und er wartet hinfort, bis seine Feinde als Schemel für seine Füsse hingelegt werden. Denn mit einem einzigen Opfer hat er die für immer vollendet, welche geheiligt werden.“

Es ist nicht von ungefähr, dass der Hebräerbrief in unserer Ausbildung immer als nicht ganz vertrauenswürdig dargestellt wurde. Mehr oder weniger deutlich vermittelte man uns, dass wir dieses Bibelbuch nicht so wichtig nehmen sollten. Kein Wunder! Wenn du nicht willst, dass die Leute die Wahrheit erkennen, hältst du sie am besten durch das Einflössen von Furcht davon ab.

Die gerade erwähnte Schriftstelle befindet sich zwar tatsächlich im Dreijahresplan der von Rom vorgegebenen Lesungen für die Messfeiern, nämlich am 33. Sonntag von Jahr B. Aber selbst wenn ein Priester diese Bibelstelle an diesem einen Sonntag jedes dritten Jahres tatsächlich vorliest, so wage ich zu bezweifeln, dass er sie dann auch auslegt. Es ist in der kirchlichen Tradition nicht üblich, über den Bibeltext selbst zu predigen. Der Priester wählt entweder ein Thema, das mehr oder weniger aus dem Bibeltext hervorgeht, oder spricht zu dem aktuellen Anlass, z.B. einer Hochzeit, oder er predigt über ein römischkatholisches Dogma. Aber Gott hat diese Stelle hineinrutschen lassen und es besteht somit die Hoffnung, dass irgendein Geistlicher sie sieht, studiert und darüber predigt.

Der Weggang rückt näher

Nach der besagten Kathedrale war mein nächster Arbeitsort die kleine Pfarrei St. Thomas More, am Rande von Plymouth. Es war ein grosses, dicht besiedeltes Gebiet, aber nur wenige Leute kamen zur Kirche. Dort war ich zum ersten Mal als Priester selbständig für die Pfarrei verantwortlich. Und zum ersten Mal begann ich, selbst zu denken und nach meinem eigenen Gewissen zu handeln – wenngleich mir der Leiter dieses Gewissens, der Heilige Geist, noch immer unbekannt war.

Innerhalb von drei kurzen Jahren hatte ich in der Kirche viele Veränderungen vorgenommen, bzw. deren Anlässe und Angebote gründlich umgestaltet. Die Beichte wurde nur noch ‚auf Verlangen’ abgenommen, und – seien wir ehrlich – wer kommt schon zur Kirche, um nach einer Beichte zu verlangen! Die Pfarrei, die vorher stark römisch-katholisch geprägt war, erhielt eine Form, die auch andere Denominationen anerkennen konnten. Der Altar war zwar immer noch ein Altar und kein Tisch, aber er wurde von seiner hohen Position heruntergeholt und vereinfacht. Die hölzerne Kanzel ganz an der Mauer wurde durch eine gut sichtbare Steinkanzel in der Mitte der Kirche ersetzt. Die Götzenstatue der Maria wurde aus dem Kirchenchor entfernt und im Eingangsbereich aufgestellt. Das Tabernakel, in welchem die geweihte Hostie aufbewahrt und angebetet wird, liess ich von der Hauptkirche in eine Seitenkapelle bringen. Die Vorschriften über die verschiedenfarbigen Messgewänder und Umhänge für die unterschiedlichen Jahreszeiten und Festtage ignorierte ich grösstenteils.

Eine der grössten Veränderungen, die ich vornahm, betrifft etwas, das, obwohl Bestandteil der römischen Liturgie, von den allermeisten Pfarreien weltweit missachtet wird, nämlich die ‚Anbetung des Kreuzes’ welche zur Karfreitagsliturgie gehört. Beachte ganz besonders das Wort ‚Kreuz’. In den weitaus meisten römisch-katholischen Kirchen wird ein Kruzifix angebetet, die Liturgie jedoch sieht ein leeres Kreuz vor (obwohl die Anbetung eines solchen natürlich immer noch Götzendienst ist).

Ich weigerte mich, ein Kruzifix zu verwenden und liess stattdessen für den Karfreitagsgottesdienst ein leeres Kreuz herstellen, denn der Gedanke, dass die Gottesdienstteilnehmer die Füsse der Figur, die am Kruzifix hing, küssen würden, beunruhigte mich. Weil jedoch nicht alle die Abänderung ihrer Rituale mögen, drangen deswegen – sowie wegen der Veränderungen im Kirchengebäude – auch viele Kommentare und Beschwerden an mein Ohr. Trotz alledem stieg die Zahl der Kirchenbesucher ständig, was ich einzig und allein auf den Herrn selbst zurückführe. „Denn ich würde nicht wagen, von irgend etwas zu reden, das nicht Christus durch mich gewirkt hat …“ (Römerbrief 15,18).

Wenn ich heute zurückblicke, verstehe ich, warum ich auch während des Dienstes in jener Pfarrei noch so viele innere Kämpfe hatte. Denn trotz vieler kleiner Fingerzeige, dass mein Weg in eine andere Richtung führen sollte, erkannte ich noch immer nicht die eigentliche Wurzel des Problems mitten im römisch-katholischen System. Während der drei Jahre, die ich jener Pfarrei nach bestem Wissen und Gewissen diente, nahm nicht allein die Gemeinde zu, sondern auch meine Unruhe. Ich konnte nicht verstehen, warum ich mich trotz allen Erfolgs so leer fühlte. Ich erzählte den Gemeindegliedern von der Macht Gottes, konnte jedoch selber innerhalb der Kirche Roms nichts davon sehen. Ich war wie ein ‚getünchtes Grab’, hatte den äusseren Anschein von Gottseligkeit, aber innerlich wurde ich von Sünde und Schuld zernagt. Ich hatte keine Gewissheit, ob das, was ich tat richtig war, und je mehr ich tat, was mir befohlen war zu tun, umso mehr wuchsen meine Zweifel. „Wehe euch, ihr Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, dass ihr getünchten Gräbern gleicht, die äusserlich zwar schön scheinen, inwendig aber voller Totengebeine und aller Unreinheit sind“ (Matthäusevangelium 23,27).

Fortschritte

Schliesslich wurde das zweifelnde Suchen nach der Wahrheit so quälend, dass ich den Entschluss fasste, die römische Kirche zu verlassen. Ich hatte mit vielen Leuten aus meiner Gemeinde gesprochen und ihnen wohlgemeinte Ratschläge gegeben, und ab und zu hatte ich zu jemandem gesagt: „Wenn die Dinge so stehen, dann sollten Sie diese Situation hinter sich lassen!“ Und schliesslich, nach einem besonders harten Arbeitstag, war ich soweit, dass ich diesen Rat auf mich selbst anwandte. Auch wenn ich alles getan hatte, was mir durch die Kirche Roms aufgetragen war, so hatte ich Gott immer noch nicht gefunden. Wie war dies möglich, wenn doch das, was ich tat, das Richtige war? Und so beschloss ich, dieses System zu verlassen. Wenn auch ich Gott noch nicht gefunden hatte, so hatte doch Er mich bereits gefunden und ich konnte ihm nicht länger widerstreben! „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist“ (Lukasevangelium 19,10).

Auch andere können von den Schwierigkeiten berichten, die es mit sich bringen kann, wenn man die römische Kirche verlässt, und ich bildete da keine Ausnahme. Als ich zu dem Bischof ging, um ihm meinen Entschluss mitzuteilen, war es mir wichtig, von einem verständnisvollen Priesterkollegen begleitet zu werden. Dies erwies sich als sehr weise, denn der Bischof wollte mir einreden, dass ich den Verstand verloren hätte und in eines der Klöster gesandt werden müsse, wo man verwirrte Priester wieder ‚zurechtbringt’. Wäre ich alleine gewesen, hätte er mich vermutlich so bedrängt, dass ich nachgegeben hätte, aber dank Gottes Hilfe und Führung kam es nicht dazu. Ich verliess das Kirchengelände innerhalb von fünf Tagen. Ob der Abschiedbrief an die Gemeindeglieder, den ich in der Pfarrei hinterliess, ihnen je vorgelesen wurde, weiss ich nicht. Es hätte ja jemand auf den Gedanken kommen können, meinen Schritt nachzuahmen!

Absturz ins Leere

Das einzige, was ich von der Diözese erhielt, war die Anzahlung für ein kleines möbliertes Zimmer – keine Hilfe, keinen Ratschlag, nicht einmal einen Dank für die Arbeit, die ich sieben Jahre lang für die Kirche geleistet hatte. Danach trieb ich über zwölf Monate orientierungslos dahin – ohne Kirche, und ohne zu wissen, wo oder wie ich die Wahrheit suchen sollte. Und wenn ich nicht ganz abgestürzt wäre, würde ich wohl noch heute orientierungslos umherirren.

Eine vorschnelle Freundschaft mit einem Mitglied eines Rugby Clubs, zu dem ich noch Kontakt hatte, brachte mich mit dem Gesetz in Konflikt. Trotz der unangenehmen Erfahrungen, die ich nun machen musste, brachte eine merkwürdige Häufung von ‚Zufällen’ mich dazu, erneut nach der Wahrheit Gottes zu suchen. Der erste Strafverteidiger, der mir zugewiesen wurde, war ein Christ, der sich auch ganz offen dazu bekannte. Der Rechtsanwalt war ein Christ. Der Psychologe, der meine Verwirrung und Depression vor dem Gericht bestätigte, war ein Christ. Der Richter, der das Urteil sprach, war ein Christ. Sie alle verstanden und unterstützten mich. Und so wollte ich mehr wissen, nicht nur über den Grund ihres Verhaltens, sondern auch darüber, warum Gott sie mir über den Weg geschickt hatte. Und so begann ich, verschiedene Kirchen in der Umgebung zu besuchen, um mehr über ihren Glauben herauszufinden. „Und ich sage euch: Bittet, so wird euch gegeben; sucht, so werdet ihr finden; klopft an, so wird euch aufgetan“ (Lukasevangelium 11,9).

Wo finde ich die Wahrheit?

Die ersten Kirchen, die ich ‚testete’, bestanden meine Prüfung nicht, denn obwohl sie dem Namen nach evangelikal waren, hörte ich dort nichts, was mir weitergeholfen hätte. Etwa fünf Monate nach meinem Ausscheiden aus dem Priesterdienst traf ich jemanden, der mir riet, die St. Andrew’s Kirche im Zentrum von Plymouth zu besuchen. Diese Kirchgemeinde gehörte zum ‚reformatorischen Flügel’ der anglikanischen Kirche und ihre Mitglieder waren entschiedene Evangelikale. Der einfach gehaltene Gottesdienst und die eindeutig biblische Botschaft erregten meine Aufmerksamkeit und ich begann, regelmässig dorthin zu gehen. Ich besuchte auch eine andere reformatorische Kirche, St. Leonard’s in Exeter, wo dieselbe Schriftverkündigung die richtige Saite in mir zum Schwingen brachte.

Doch auch wenn ich nun wusste, dass die Antwort in der Heiligen Schrift zu finden war, so hatte ich Christus selbst noch nicht gefunden. Dieses Wunder vollzog sich in zwei Etappen, an zwei nicht weit auseinander liegenden Tagen während des Jahres 1995 unter völlig verschiedenen Umständen.

Die erste Etappe wurde während eines Spaziergangs mit Gérardine ausgelöst, einer Mitstudentin des Kurses für Sozialarbeit, den ich an der Universität belegte. Während wir durch die faszinierende, urwüchsige Landschaft von Dartmoor spazierten, diskutierten wir über Glaubensfragen. Anlass für mein erstes Gespräch mit Gérardine war das ,Ichthys’-Fischsymbol auf ihrem Auto gewesen. Danach fanden unsere Gespräche immer häufiger statt und wurden zudem immer persönlicher. Wir sollten noch viele gemeinsame Ausflüge unternehmen, bevor wir dann schliesslich 1996 heirateten. Doch während eben dieses Spaziergangs begann ich der Wahrheit ins Gesicht zu schauen und sprach konkret über all jene Situationen, die mich während meiner Zeit als römisch-katholischer Priester so belastet hatten. Ich wagte, offen meine Zweifel an der Eucharistie, der Ohrenbeichte, dem erzwungenen Zölibat und vielem mehr auszusprechen. Zum ersten Mal konnte ich diese Streitfragen nicht nur ansprechen, sondern die Irrtümer und unbiblischen Lehren als solche erkennen und auch verwerfen. Ich konnte die psychologische Schutzhülle fallen lassen, hinter der ich mich bis zu jenem Zeitpunkt versteckt hatte. Ich kann mich noch sehr gut an das Gefühl der Freiheit erinnern, das mich erfasste, als ich – auf die Heilige Schrift gestützt – jede einzelne dieser Lehren fallen liess. Ich hatte verstanden, dass sie sich nur mit menschlich-philosophischen Argumenten aufrechterhalten liessen. Erstmalig wurde mir wirklich klar, dass es sich sowohl bei der Anbetung der Hostie in der Monstranz, als auch bei dem Rosenkranzgebet und der römisch-katholischen Marientheologie um Götzendienst handelte. Nachdem dieser dichte Vorhang, der sich vor meinen Augen befunden hatte, gefallen war, konnte ich alles so klar und deutlich sehen, dass es da nichts mehr abzustreiten gab. An jenem Nachmittag ging mir auch die Wahrheit auf, dass man Gott und die Erlösung nicht mittels menschlicher Argumente und Gedankengänge finden kann. „Es hilft keine Weisheit, kein Verstand und kein Rat gegen den HERRN“ (Sprüche 21,30). Gelobt sei der Name des Herrn, dass er mir seine Weisheit gegeben hat, die ich zu meiner Erlösung brauchte.

Ich hatte zwar noch immer nicht die ganze Wahrheit erfasst, aber ich war nicht mehr allzu weit davon entfernt. Immerhin war ich nun in einer Art und Weise von Rom befreit, wie ich dies noch nie zuvor gewesen war. Ausserdem war ich nicht länger den unbiblischen Ansprüchen ausgeliefert, welche diese Kirche an ihre Anhänger stellt.

Der Tag der Erkenntnis

Kurz darauf trafen wir mit Gérardines Bruder zusammen. Er war Prediger in einer evangelikal geprägten anglikanischen Kirche. Es war der letzte Sonntag der Schulferien und die Gemeinde feierte den Abschluss des Ferien-Kindertreffs. Der Gottesdienst wurde bewusst evangelistisch gestaltet, die Botschaft war auf jene Eltern ausgerichtet, die möglicherweise selber noch nicht gläubig waren und nur ihrer Kinder wegen gekommen waren. Ich erinnere mich nicht mehr an jede Einzelheit seiner Predigt, aber es ging darum, wie dringend ein jeder von uns den Herrn Jesus Christus und sein Erlösungswerk am Kreuz braucht. Am Ende des Gottesdienstes war ich mir darüber im Klaren, dass nur der Glaube an Jesus Christus mich vor Gott annehmbar machen kann und dass meine Sünden nur vergeben werden können, wenn ich mein Vertrauen ganz auf Ihn setze. Das Entscheidende war nicht mein Denkvermögen bzw. die von mir getroffene Wahl, sondern Gottes unwiderstehliches Ziehen. Da war nichts Magisches geschehen, und ich verspürte auch keine besonders grossartigen Gefühle, aber von diesem Augenblick an wusste ich, dass sich in meinem Leben etwas verändert hatte.

In der folgenden Woche besuchten wir die Kirche in Exeter. Bei einem gewissen Lied war ich plötzlich vollkommen überwältigt von der Wirklichkeit meiner Erlösung, so dass ich von ganzem Herzen mitsingen konnte:

„Deine Liebe – wie reinster Schnee ist sie rein; Deine Liebe – sie weint um die Schande mein; Deine Liebe – sie zahlt meine Schulden allein; O Jesus, deine Liebe.

Deine Liebe – des Lebens Quell’ ist sie mir; O Jesus, deine Liebe.“

Dass durch den Tod des Herrn Jesus Christus am Kreuz meine Sünden vergeben waren, wurde mir in diesem Moment zur tiefen Glaubensgewissheit. All die Jahre, in denen ich meinte, dass ich mir die Vergebung durch eigene Werke und durch die sogenannten Sakramente der römischen Kirche verdienen müsse, hatte ich einer Lüge geglaubt. „Doch weil wir erkannt haben, dass der Mensch nicht aus

Werken des Gesetzes gerechtfertigt wird, sondern durch den Glauben an Jesus Christus, so sind auch wir an Christus Jesus gläubig geworden, damit wir aus dem Glauben an Christus gerechtfertigt würden und nicht aus Werken des Gesetzes, weil aus Werken des Gesetzes kein Fleisch gerechtfertigt wird“ (Galaterbrief 2,16). Noch lange Zeit danach war ich während jedem Gottesdienst so ergriffen, dass ich weinte, aber es waren nicht Tränen des Schmerzes, Verlusts oder Zorns, sondern Tränen des Aufatmens und der Freude darüber, dass ich endlich verstanden hatte, was Jesus von sich bezeugt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater als nur durch mich“ (Johannesevangelium 14,6).

Eine herzliche Bitte

Heute bin ich ein Diener des Evangeliums in einer kleinen reformatorischen, bibeltreuen Gemeinde. Ich predige und lehre das Evangelium als alleinige Quelle des Glaubens und der Lebenspraxis der Christen. Es ist mir ein grosses Anliegen, dass noch viele erkennen, dass wir die Errettung einzig und allein durch Gottes Gnade erlangen können (Epheserbrief 2,8), und dass wir es allein Seiner Gnade verdanken, dass wir durch das Blut des Lammes, Jesus Christus, von aller Sünde und Schuld rein werden können. Der Herr hat mir Seinen Segen zuteil werden lassen, und ich weiss, dass Jesus Christus mein Erlöser ist. Ich tat Busse über meine Sünden und ruhe nun in Seiner Barmherzigkeit. Mögen all jene, die diese Zeilen lesen, und die noch nicht durch Gottes Gnade an diesen Punkt gebracht worden sind, sondern bis jetzt in der Kirche Roms verstrickt sind, über folgende Schriftstelle nachdenken und darüber beten. Denn Rom will dich von der Wahrheit Christi fernhalten.

„Wer will uns scheiden von der Liebe des Christus? Drangsal oder Angst oder Verfolgung oder Hunger oder Blösse oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: ‚Um deinetwillen werden wir getötet den ganzen Tag; wie Schlachtschafe sind wir geachtet!’ Aber in dem allem überwinden wir weit durch den, der uns geliebt hat. Denn ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Fürstentümer noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes, noch irgend ein anderes Geschöpf uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Römer 8,35-39).


Dominic Stockford ist nun Pastor der Christ Church in Teddington, im Südwesten Londons, einer Gemeinde, die darum bemüht ist, an der Wahrheit der Heiligen Schrift festzuhalten. Dominic hat in Grossbritannien und den USA Kontakt mit vielen anderen, die wie er den guten Kampf des Glaubens gegen den Ritualismus und gegen die Bewegung hin zur Ökumene aufgenommen haben. Dominic und seine Frau haben zwei Töchter und freuen sich an all der Güte, die Gott ihnen erwiesen hat.

Gerne antwortet er auf Zuschriften (in Englisch). Seine e-mail Adresse lautet: Dominic@FrancisStockford.fsnet.co.uk